»Zettel’s Traum« lesen?

Als Arno Schmidts Roman »Zettel’s Traum« 1970 erschien, war das Buch für viele kaum mehr als ein Kuriosum. Es handelte sich um die photomechanische Wiedergabe des Typoskripts des Autors, der seinen Roman auf 1335 DIN-A3-Seiten niedergeschrieben hatte. Obwohl sich das Buch offenbar einer breiteren Öffentlichkeit bewusst verschloss, stellte es einen sensationellen Verkaufserfolg dar: Trotz einem Subskriptionspreis von 298 DM und einem normalen Verkaufspreis von 345 DM waren die 2.000 Exemplare der ersten Auflage nach nur drei Monaten verkauft. Zahlreiche Käufer versuchten nicht einmal, das Buch zu lesen, sondern lagerten es als Investition in die antiquarische Zukunft ein, zu Recht, wie heutige Preise von bis zu 1.000 € für die Erstausgabe beweisen.

Die Faksimile-Ausgabe des Buches ist inzwischen in der 6. Auflage lieferbar; es existieren außerdem zwei Raubdrucke und eine Taschenbuchausgabe, so dass die Anzahl der existierenden Exemplare auf die 25.000 zugehen dürfte, wenn diese Grenze nicht sogar schon überschritten wurde. Dem steht die unbestreitbare Einsicht gegenüber, dass sich die Anzahl der Leser, die den Roman tatsächlich komplett gelesen haben, wahrscheinlich deutlich im Bereich unter 1.000 bewegen wird. Sicherlich haben die meisten, die das Buch gekauft haben, auch einmal darin geblättert, vielleicht sogar hier und da für einige Seiten eine Lektüre versucht, sie dann aber frustriert oder kopfschüttelnd abgebrochen.

Nun wird im Herbst dieses Jahres voraussichtlich die Veröffentlichung der gesetzten Ausgabe innerhalb der Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts erscheinen. Damit wird diesem Buch zum ersten Mal eines der äußerlichen Merkmale genommen, die es aus der Masse gewöhnlicher Bücher heraushebt: sein Status als Typoskript. Auch die Reduktion der Seitengröße wird dazu beitragen, aus »Zettel’s Traum« ein beinahe schon normales Buch zu machen.

Es mag sein, dass sich die eine oder der andere sich angesichts der neuen Ausgabe tatsächlich vornehmen wird, diesen Roman doch einmal zu lesen. Einem Normalleser – wer immer das auch sein mag – kann man das Buch allerdings nicht ernsthaft empfehlen. Das Hauptthema des Buches, eine psychoanalytisch gefärbte Theorie der Literaturentstehung, kann nur als obsessiv bezeichnet werden, die nicht enden wollenden Analysen von Texten, die immer wieder dieselben Motive hervorbringen, sind schlicht ermüdend. Dem stehen zauberhafte Passagen von bizarrer Phantastik gegenüber, wie man sie außerhalb von Schmidts Werk in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur kaum noch einmal finden wird. Dennoch bleibt das Buch insgesamt eine Anstrengung – für Leser, die nicht auf Arno Schmidt eingeschworen sind, wahrscheinlich sogar eine Zumutung.

Ich selbst habe das Buch bislang zweimal komplett gelesen, zahlreiche Passage noch öfter. Und ich muss offen gestehen, dass ich keine erschöpfende Auskunft darüber geben kann, warum ich mich entschlossen habe, das Buch anlässlich der gesetzten Neuausgabe noch einmal komplett lesen zu wollen. Es handelt sich wohl um eine Art von Neugier, wie das Buch auf mich wirken wird, nachdem ich nun einige Jahre der Schmidt-Abstinenz hinter mir habe. Mag auch sein, dass es der Versuch eines neuen Anfangs mit diesem Autor ist, ein Versuch, der sich natürlich bewusst ist, das er von Erfahrung durchtränkt sein wird. Aber das ist schon zu weit spekuliert.

Es wird hier also meine persönliche, erneute Lektüre von »Zettel’s Traum« reflektiert werden. Es gibt dabei kein zuvor festgelegtes Lesetempo oder sonstige Voraussetzungen. Auch ob die einzelnen Blogbeiträge einzelne Seiten oder die Episoden des Textes oder schlicht das jeweilige Lektürepensum umfassen werden, wird sich erst im Laufe des Projektes erweisen. Kommentare anderer Leser sind ebenso erwünscht wie Nachfragen, Anregungen oder Nebengedanken derer, die hier mitlesen.

Außerdem wird es hier mit der Zeit die eine oder andere Seite geben, auf der ich Arno Schmidt im Allgemeinen und »Zettel’s Traum« im Besonderen behandeln werde. Auch hierzu nehme ich gerne Fragen oder Anregungen entgegen. Meine E-Mail-Anschrift findet sich im Impressum dieser Seite.

Autor:
Datum: Mittwoch, 17. März 2010 1:18


Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

4 Kommentare

  1. 1

    „Dem steht die unbestreitbare Einsicht gegenüber, dass sich die Anzahl der Leser, die den Roman tatsächlich komplett gelesen haben, wahrscheinlich deutlich im Bereich unter 1.000 bewegen wird.“

    Unbestreitbare Einsicht ?: mag sein – nur: wie kommt man zu so einer zahlenmäßigen Einschätzung, wie überträgt man ein Bauchgefühl ohne statistische Grundlage in eine belastbare Zahl ?

    btw: gewiß eine mehr als unwichtige Nebensächlichkeit.

  2. 2

    Elmar Krekeler vermutet in der heutigen »Welt« sogar, dass »die Menschenmenge jener Abenteurer, die sich komplett durch Arno Schmidts Textmonster (1334 DIN-A3-Seiten im Überformat, zehn Kilo schwer) gearbeitet haben, […] mühelos in der Betriebstoilette des Suhrkamp Verlags Platz finden« dürfte. Nun weiß ich natürlich nicht, wie groß die ist, aber ich denke, das unterbietet meine Schätzung noch.

  3. 3

    Krekeler ist viel zu unexakt: Welche Betriebstoilette? Ehemals Frankfurt oder jetztige Berlin? Und es wird ja wohl (hoffentlich) nicht so sein, dass die Damen UND Herren des Verlages nur EIN WC im ganzen Verlagshaus haben. Man stelle sich vor: die Verlagsleitung muss hintanhalten, weil der Praktikant Durchfall hat!

  4. 4

    Solche koprophilen Kommentare passen natürlich ganz herrlich zu ZT; dazu kommem wir aber erst viel, viel später.

Kommentar abgeben