Die erste Seite (4)

Weiter im Text:

: »HasDu überhaupt zugehört ? Was Ich gesagt hab’ ?« / (Vollkomm’ Wilma. Aber a) : »hatt’Ich eine (sündije) Vision zu bekämpfn …«/ (: »? ! –«) / (Galant) : »So im Stiel von ›Achab + Zedecias durch 2‹ : Dich; in einem Zuber voll Thau! – «; (dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch. Und b) : »Hab’Ich den D=Zug, von Eschede, rumpln hör’n.

Achab und Zedekias (in der Schreibung Sedechias) sind in Sixtus Bircks Drama „Susanna“ (1532) die beiden, die die fromme und keusche Susanna im Bade beobachten. Die Fabel des Dramas geht auf das biblische Buch Daniel (13, 1 ff.) zurück; es handelt sich dabei um einen der Fälle, an dem sich Daniel als weiser und gerechter Richter beweist. Natürlich möchte auch DP als ein solch weiser und gerechter Richter, und sei es auch nur in Sachen Literatur, angesehen werden. Mit Material aus dem Buch Daniel spielt AS noch öfter; auch ist vermutet worden, dass die Seitenzahl des TS von ZT durch Daniel 12, 12 determiniert ist:

Wohl dem der durchhält und dreizehnhundertfünfunddreißig Tage erreicht!

Wir werden sehen.

DP hat die Vision von Achab und Zedekias nur „durch 2“, da er sie alleine hat; es mag aber auch sein, dass er W als nur halb so attraktiv imaginiert wie die biblische Susanna. Der „Zuber voll Thau“ ist natürlich assoziativ ausgelöst von dem zuvor bereits kommentierten Wort „Galathau“. Wichtig für den weiteren Verlauf des Romans ist aber, dass hier erstmals das Motiv des Voyeurs angespielt wird. Es werden wenige Zeilen später auch entsprechende Gerätschaften folgen.

Das Wort „cnorpulend“ ist wohl zusammengezogen aus korpulent, Knorpel und pulen: Man hat sich W, wie auch der bereits erwähnte ‚volle Hals‘ andeutete, als eher vollschlanke Frau vorzustellen; die Bandscheiben in ihrem Rücken werden beim Durchklettern des Stacheldrahtzauns beansprucht und offenbar führt alles dies dazu, dass sie von den beiden Herren eher sanft durch den Zaun hindurch gezogen (gepult) werden muss, als dass sie die Passage wirklich selbst bewältigt.

Eschede ist eine Kleinstadt in der Lüneburger Heide und den meisten heute wohl bekannt durch das ICE-Unglück im Juni 1998. Die Bahnstrecke durch Eschede führt von Celle nach Uelzen und ist Teil der Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg. Sollte DP tatsächlich in der Lage sein, einen D-Zug auf dieser Strecke „rumpln“ zu hören, so liegt das fiktive Ödingen, in dem ZT hauptsächlich spielt, wahrscheinlich ein gutes Stück westlich von ASs Wohnort Bargfeld. Es mag auch sein, dass es in den 60er Jahren von Eschede aus noch eine direkte Verbindung zur Strecke zwischen Celle und Hankesbüttel gegeben hat (hier mögen bitte Ortskundige einspringen); diese Bahnstrecke verläuft südlich von Eldingen und liegt deutlich näher an Bargfeld, was die konkrete Lage von Ödingen wieder an Bargfeld annähern könnte.

Am rechten Rand findet sich auf Höhe des Satzes „dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch“

(? – : b/cnuffDe’s nich? Bescheidnt-
lich; von hintn ? … / (›Die Gopis
(= KuhHirtinnen) waren rasend vor
Liebe zu Krischna/an : als er seine Flöte
spielde, kamen sie=Alle, mit ihm
zutanzn …‹). /

Die hier verwendeten Zeichengruppen „b/cn“ und „na/an“ sind, auch im Weiteren so verwendete, Notlösungen, um die Ramifikationen (Verästelungen) des Textes – hier   und   – wiederzugeben. AS hatte diese typographische Spielerei bereits früher verwendet, ab ZT wird es aber zu einem wesentlichen Mittel seiner Schriftsprache. Während die dadurch erzeugten Wortvarianten an dieser Stelle nur einen spielerischen Charakter zu haben scheinen, werden sie im weiteren Text zum optischen Darstellungsmittel für die Unterwanderung der Wörter durch die von AS sogenannten Etyms. Was Etyms sind und wozu sie dienen, muss später an gegebener Stelle erörtert werden. Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass das Wort „Ramifikation“ selbst einen vortrefflichen  Anlass für eine Etym-Analyse bietet.

Wer es ist, der DP bufft und knufft lässt sich nur vermuten, aber wahrscheinlich handelt es sich um F, die DP von seiner zu intensiven Beschäftigung mit ihrer Mutter ablenken möchte. Die Konkurrenz von Mutter und Tochter um die Sympathie und Aufmerksamkeit DPs wird eine bestimmende Konstante der Figurenkonstellation in ZT sein.

Woher das Zitat mit den Gopis genau stammt, wurde meines Wissens bislang nicht identifiziert. Es passt aber gut in nahezu jede beliebige Darstellung der Existenz Krishna im zuvor bereits erwähnten Reich Goloka. Natürlich ist sowohl das Spiel der Flöte als auch der Tanz der Gopis mit Krishna schon im Ursprung und nicht erst bei AS stark sexuell konnotiert.

Die Ramifikation Krischna/an ist wohl die schlichteste Art der Verweltlichung des Mythos, die möglich ist. Ob dabei auch eine Parallelität zwischen Krishna und Christus bzw. zwischen Hinduismus und Christentum  (Krischan ist ja nur die norddeutsche Verschleifung den Namens Christian) mitgedacht werden soll, bleibt offen.

– (?) – : Nu ›Eintrübunc‹.«; (Vorkeime v Wolckn; Windwebm.) : »Was willsDú nehm’ Fränzel ? : ’s DopplGlas  ? Oder die YASHIKA ?«. / (Sie griff stumm. Und der LederRiem’m teilde. (›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹. (Und dem Pleas’see=Rock; waid genoug für Zweie.))) /

Auf eine nicht ausformulierte Frage Fs hin, wendet sich DP nun ihr zu. Nach der Erklärung der meteorologischen Lage, werden nun die Werkzeuge des oben bereits ins Spiel gebrachten Voyeurs verteilt: Fernglas und Kamera. Zur Übereinstimmung meines Nachnamens mit dem in ZT häufig gebrachten Kosenamen Fs sei hier nur angemerkt, dass meine Schmidt-Lektüre erst mehrere Jahre nach dessen Tod begonnen hat. F greift sich wortlos eines der beiden Geräte und hängt es sich so um, dass der Lederriemen zwischen ihren Brüsten durchläuft; da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter aber eher kleine Brüste hat, „teild“ der Lederriemen weich. Rechts findet sich dazu das Zitat:

: ›did diuide her daintie paps‹; SPENSER …

Also etwa: ‚Teilte ihre zierlichen Nippel‘; es handelt sich um ein Zitat aus Edmund Spensers „The Faerie Queene“ (1590–1596). ASs archaisch anmutende Schreibung „diuide“ scheint dem ursprünglichen Text Spensers zu entsprechen. „The Faerie Queene“ wird in ZT relativ häufig zitiert, was den phantastischen Tendenzen des Buchs gut entspricht. Bereits über die Assoziation mit dem Traum des Webers Bottom hatte Schmidt ZT als ein (auch) phantastisches Buch gekennzeichnet, und, wie bereits angedeutet, Geister und andere phantastische Erscheinungen spielen in ihm keine unwesentliche Rolle. Für die Liebhaber von Verschwörungstheorien sei hier angemerkt, dass Spenser ursprünglich geplant hatte, „The Faerie Queene“ in zwölf Büchern zu je zwölf Gesängen zu schreiben; aus dem Namen Daniel und der doppelten 12 ergibt sich dann unschwer die Notwendigkeit, dass ZT im TS 1335 Seiten haben musste. In die gleiche Kategorie gehört auch das von Zeit zu Zeit kolportierte Faktum, AS habe die 120.000 Zettel zu ZT (vgl. BA Suppl. 2, S. 33) in 12 Zettelkästen organisiert; auch hieraus ergeben sich sicherlich weitreichende Folgen.

Ob es sich bei „›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹“ tatsächlich um ein Zitat handelt, ist mir unklar. Jedenfalls haben unzählige literarische Heldinnen und Geliebte dunkelblaue Augen. [Siehe auch unten Kommentar 4.] Beim „Pleas’see=Rock“ handelt es sich um eine weitere wichtige Technik von ASs Schriftsprache, dem systematischen Verschreiben von Wörtern, so dass eine zweite Bedeutung im klanglich identischen oder ähnlichen Material aufscheint. Hier ist das Beispiel relativ unverfänglich: F trägt einen Plissee-Rock, der außerdem nett aunzuschauen ist bzw. ihr gut steht. Die gleich darauf folgende Verschreibung „waid“ könnte den Waidmann anspielen (assoziativ ausgelöst durch das Doppelglas), es könnte aber auch die Waid-Pflanze assoziiert sein, einer wichtigen Farbstoff-Lieferantin des Mittelalters für blaue Farbe. Die Verschreibung „genoug“ hat sich mir bislang nicht erschlossen. [Vgl. dazu unten den Kommentar 2.]

Ungefähr auf der Höhe des letzten Zitates steht in der linken Spalte:

? – : »Lama=Lama!« – (: werdt’ ihr
früh. (Sie schüttltn auch die Ohren
so=oft …))

„Lama=Lama!“ ist ein Ausruf der Eingeborenen auf Tsalal. Es sind einige Versuche gemacht worden, diese Sprache, von der Edgar Allan Poe nur wenige Wörter und einen einzigen Satz mitteilt, zu übersetzen. Keiner dieser Versuche ist letztlich überzeugend. Wir werden noch sehen, was AS dazu entwickelt. Das Satzfragment „werdt’ ihr früh“ bleibt vorerst unverständlich. [Vgl. auch unten den Kommentar 2.]

Wird fortgesetzt.

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Datum: Dienstag, 23. November 2010 23:08
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6 Kommentare

  1. 1

    Ganz rasch 2 Anmerkungen:

    „genoug“: die später noch erwähnten „NougatStangen“? Süßigkeiten (mit allen erotischen Konnotationen) spielen im Zusammenhang mir Fr ja ständig eine Rolle.

    „Lama=Lama“ etc. Das scheint mir einfach: „Lahmer=lahmer – werdt‘ ihr früh!“ (Alter + Große Impotenzklage)

  2. 2

    zu genoug: Bis Nougat war ich auch gekommen, fand aber keinen richtigen assoziativen Haken im Umfeld. Doch der Hinweis auf die Süßigkeit ist gut, denn damit läßt es sich an das „daintie“ aus der rechten Spalte anhängen, das nämlich auch lecker heißen kann.

    zu Lama=Lama: Die Assoziation mag schon hinkommen, denn die JungStiere stehen sicherlich auch als Symbole der Fruchtbarkeit und Potenz da. Wichtiger aber ist, glaube wenigstens ich, dass AS später (ZT 35, TS 31) Lama via der Lautweiche Lahem als Fleisch übersetzen wird. (Ich war gestern nur zu faul, es noch herauszusuchen.) Gemeint ist also eher, dass es sich bei den Kälbern, die jetzt noch munter auf der Weide herumspringen, eigentlich schon um totes Fleisch handelt. Das „werdt’ ihr früh“ wäre dann durch ein (leckeres?) genoug zu ergänzen. Das gehört daher eher in die Reihe der Todesmotive, von denen die Impotenzklage allerdings auch eines ist. Es ist also nicht so weit auseinander.

  3. 3

    Der Hinweis auf Lahem leuchtet mir ein, zumal DP die Sprache von Tsalal ja später als „korrumpiertes Hebräisch“ deutet (ich hoffe, ich greife da jetzt nicht vor?). Vermutlich wird’s wieder ein ganzes Bündel verknoteter Anspielungen sein.

  4. 4

    Wie ich der Poe-Biografie von Zumbach (München: Winkler, 1986. S. 247) entnehme, hatte Poes Virginia „veilchenblaue Augen“.

  5. 5

    könnte nicht genoug mit den französischen genoux zu tun haben, da schon von „Röcken“ und damit einhergehend assoziativ ja auch von „öffnen“ und „teilen“ die Rede sein könnte?

  6. 6

    Das ist sehr wahrscheinlich, insbesondere auch, weil gleich darauf das „knien; am WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s)“ (-> http://www.zettels-traum-lesen.de/2010/12/03/die-erste-seite-5/) folgt.

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