Die erste Seite (3)

Weiter im Text:

Aber Sie, noch vom vor=4 benomm’m, shudderDe mit den (echtn!) Bakk’n) : »Dän – Ich bin doch wirklich a woman, for whom the outside world exists. Aber verwichne Nacht …«; (brach ab; und musterDe Mich, / Den Ihr gefälligst den Draht aus’nander Haltndän : – ? – /

Es wird noch einmal explizit die Uhrzeit bestätigt, die die Formulierung „1 erster Dianenschlag“ angedeutet hatte. Zum niedersächsischen Wort „schuddern“ gibt Adelung folgendes:

Anm. Schüttern, Nieders. schuddern, Engl. to shudder, ist dem Ursprunge nach eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, der Form nach aber ein Intensivum und Iterativum von schutten, schütten, welches ehedem dafür gebraucht wurde. Sih scutita thiu Erda, die Erde erschütterte, Ottfr. Thaz wazar er yrscutita, er erschütterte das Wasser, eben derselbe. Zittern und schaudern sind nahe damit verwandt, nur daß schüttern in Ansehung beyder ein Intensivum ist;

Bei der Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ besteht natürlich der Verdacht, dass es sich um ein Zitat handelt; wer kann es identifizieren? [Vgl. unten den Kommentar 1.] Weswegen Wilma hier abbricht, bleibt unklar; offenbar hatte sie in der Nacht eine Erscheinung, die über einen normalen Traum hinausgeht. Anschließend finden wir hier die Grundlage für die bereits vorgenommene Interpretation der beiden Reihen von Xen zu Anfang der Seite. Die Zeichenfolge „: – ? –“ bezeichnet in der Regel einen fragenden Blick oder eine fragende Geste, kann aber auch eine ausformulierte Frage ersetzen, die sich aus der Antwort selbst ergibt. Am rechten Rand findet sich eine weitere Assoziation DPs:

(: we’cher Hals! We’che Stimme!
(Der eine voll, die andre rauh : kein
Zug mehr wie früher, aber noch gans
dasselbe Gesicht …)

Dies ist der erste Hinweis darauf, dass sich die Eheleute Jacobi und DP schon länger kennen. Die Verschreibung „gans“ zeigt zudem an, dass DP von Ws Intellekt nicht die höchste Meinung hegt.

: »Singularly wild place – «; (hatte P indessn gemurmlt. Er ragte, obm wie untn, aus seiner WanderHose; Er, lang=dünn & haarich) /

Die Beschreibung Ps lässt sich als erster Hinweis darauf lesen, dass die Figurenkonstellation in ZT mehrfach überdeterminiert ist. So können die Figuren unter anderem den Instanzen der Schmidt-Freudschen Persönlichkeitstheorie zugeordnet werden: W repräsentiert das Über-Ich, P das Ich, F das Es und schließlich DP die von Schmidt hinzugefabelte 4. Instanz. P wird zudem gleich bei seinem ersten Auftreten als personifizierter Penis vorgestellt.

In der linken Kolumne findet sich auf Höhe dieses Textes:

: MUUHH! – (immer näher ad Zaun
: immer (B)Rahma=bullijer

Die erste Zeile ist einfach die Fortsetzung des schon erläuterten „Gestiers von JungStieren“ in derselben Spalte; die zweite eine Reaktion auf den rechten Rand:

(Goloka=Goloka; The World of
Cows; (+ Galaxy). (: ›La vaca,
la cabra y la oveja nos dan su leche‹;
sagde gleich Eins auf; (aus’m
DERNEHL=LAUDAN …

Goloka, die Welt der Kühe, ist im Hinduismus der ewige Wohnort Krishnas:

Mit seinem aus Sein, Intelligenz und Wonne (saccid-ânanda) bestehenden Leibe genießt Krishna an höchster Stätte in der »Welt der Kühe« (Goloka) mit Râdhâ ewige Wonnen als Widerschein des geistigen Liebesverhältnisses zwischen Seele und Gott. [RGG, 3. Aufl., Bd. 3, 347]

Auch hier wird also wieder ein Liebesverhältnis angespielt, diesmal mit ausdrücklicher Betonung der Spannung zwischen Körper und Geist. „Galaxy“ ist die Milchstraße (altgr. γαλαξίας), eine Verstärkung der Motive Milch und weiß einige Zeilen weiter oben im Text. „La vaca, la cabra y la oveja nos dan su leche“ ist Spanisch und bedeutet: „Die Kuh, die Ziege und das Schaf geben uns ihre Milch“ (vgl. auch unten Kommentar 5); der „DERNEHL=LAUDAN“ ist das Spanisch-Lehrbuch, nach dem AS in der Schulzeit Spanisch gelernt hat. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass die Bekanntschaft der drei Erwachsenen bereits aus ihrer Schulzeit herrührt.

Das „(B)Rahma“ des linken Randes ist also zuerst einmal mit der hinduistischen Welt der Kühe vom rechten Rand assoziiert; Brahma ist eine der drei hinduistischen  Hauptgottheiten. Die Einklammerung des Buchstabens B lässt zudem das Wort „Rahma“ hervortreten; zusammen mit dem Wort „bullijer“ wurde hier von einem Deuter die Zote „Hast Du Rama auf der Stulle / kannst du vögeln wie ein Bulle“ assoziiert. Dazu mag sich jeder Leser stellen, wie er will.

Wird fortgesetzt.

Tags »

Autor:
Datum: Dienstag, 23. November 2010 1:40
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: i. Buch – Das Schauerfeld

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Kommentare und Pings geschlossen.

8 Kommentare

  1. 1

    Die Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ ist in der Tat ein (leicht abgewandeltes) Zitat, nämlich von Theophile Gautier, der freilich der französischen und nicht der englischen Literatur zuzurechnen ist – daß Schmidt ihn dennoch englisch ‚benutzt‘, liegt daran, daß er das Zitat im „Oxford Dictionary of Quotations“ fand, einem Nachschlagewerk, das er ab den frühen 1960er Jahren so ausgiebig benutzt, daß man von diesem Zeitpunkt nicht automatisch davon ausgehen kann, Schmidt kenne die entlegenen Texte, aus denen er zitiert. Die Quelle hat Schmidt in diesem Fall vermerkt, allerdings nicht im Text, sondern auf einem der Zettel, die er für die erste Textseite von ZT benutzt hat: „FW / ‚I am a man, for whom the outside world exists‘ / Th. Gautier (Quot.)“.

  2. 2

    Ich habe das eigentlich immer eher so empfunden:

    W = Über-Ich
    P = Ich
    F = Es
    DP = 4.Instanz

  3. 3

    Tja, wenn ich über Deine Zuordnung nachdenke, so mag auch die leidlich erscheinen. Es (no pun intended!) kommt wohl sehr darauf an, welche Eigenschaften der Instanzen und der Figuren man für wie wichtig hält. So ließe sich für P als Ich zum Beispiel sehr stark anführen, dass das Ich bei Freud die Instanz des Kompromisses ist, die ständig versucht, die Ansprüche der beiden anderen Instanzen und das Realitätsprinzip miteinander zu vermitteln.

    Ich dagegen sehe F als ein zu geistiges, phantastisches Wesen (sie ist ja halb auf dem Weg zu den Geistermädchen der späteren TS), als dass ich in ihr das Es sehen könnte. Auch muss das Es älter sein als das Ich und es ist – wenigstens in der Vorstellung ASs – dumpfer und gefräßiger als das Ich.

    Aber die Figuren in ZT sind ohnehin so überdeterminiert, dass sich wahrscheinlich auch für Deine Zuordnung gutes Material finden lassen wird. Ich bleibe daher vorerst mal bei meiner Einteilung, behalte Deine aber im Hinterkopf, und wir werden im Weiteren sehen, was sich noch ergibt.

  4. 4

    Das ist alles durchaus diskutabel. Mir schwebt für meine Lesart eine spätere Stelle in ZT vor, die ich im Moment nicht näher bezeichnen kann, in der DP recht deutliche Hinweise auf die entsprechenden Transformationsgleichungen gibt. Da ist die Rede vom „armen Luder“ Ich, das sich zwischen all den Anprüchen der anderen Instanzen behaupten muß (siehe oben), und zwar „unermüdlich mitstenografierend“, was ja auch P die ganze Zeit über tut. F ist eine nicht leicht festzulegende Figur, weil sie ja einerseits nach „Vergeistigung“ strebt, ihr andererseits aber die pubertären Triebimpulse ständig dazwischen kommen; man denke nur an die verhältnismäßig vielen Selbstbefriedigungs-Szenarien. F ist zwar die Jüngste von allen, aber sie ist dadurch auch noch näher an den archaischen Triebquellen. Aus Es will ja bei ihr erst noch Ich werden.

  5. 5

    Auch etwas, das Arno Schmidt wahrscheinlich nicht gewusst hat, das ihn aber gefreut hätte:

    Das Problem ist, dass die Bedeutungsgeschichte von Muschi für ein scheinbar so unscheinbares Wort relativ kompliziert ist. Es gehört zu einer Wortfamilie, die auch die Wörter mutz(e) und musche/mosche bzw musse/mosse hervorgebracht hat. Diese Wörter finden sich mindestens ab dem 13. Jahrhundert in verschiedenen deutschen Dialekten und sind dort manchmal Bezeichnungen für „leichtes Mädchen“ (z.B. Bairisch musch, muschel) oder „Hure“ (Schwäbisch musch), manchmal aber auch neutrale Wörter mit der Bedeutung „Frau“ oder „Mutter“ (diese Bedeutungen finden sich noch heute in der lëtzebuergeschen Alltagssprache). Im Schlesischen war mu(t)sche sogar eine liebevolle Bezeichnung für junge Mädchen. Auch die Bedeutung „Vulva“ findet sich schon früh, mindestens seit dem 15. Jahrhundert, und auch das heute ausschließlich in dieser Bedeutung verwendete Wort Möse ist vermutlich aus dieser Wortfamilie hervorgegangen. Katzen spielen hier zunächst keine Rolle; dafür nennt das grimmsche Wörterbuch eine Reihe anderer Tiere, die mit Wörtern aus dieser Familie bezeichnet wurden (z.B. Schlesisch mosche „junge Kuh“, verschiedene Schweizer Dialekte mutsch, mutti, muttli („Kuh/Schaf/Ziege“).

    Anatol Stefanowitsch in seinem Sprachlog.

  6. 6

    Ich habe es nun noch einmal im Zusammenhang nachgelesen, und es ist eindeutig so, dass P für die Instanz Ich und F für das Es einsteht. P und DP (die 4. Instanz) bilden eindeutig ein Paar gegen W; so ist es von AS intendiert. Ich habe es auch oben im Text entsprechend geändert. (Liest sich hübsch mit all den Abkürzungen.)

  7. 7

    Jetzt passt dies nicht mehr:

    „P als Vertreter des Es ist damit zugleich derjenige, dem der unmittelbare Zugang zur Sexualität zugeschrieben wird. Er wird daher gleich bei seinem ersten Auftreten als personifizierter Penis vorgestellt.“

  8. 8

    Ist geändert. Danke!