Das Motto

Das Motto zu ZT stammt bekanntlich aus dem Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare. Es findet sich am Ende der ersten Szene des vierten Aufzugs und ist dem erwachenden Weber Bottom – bzw. bei Schlegel: Zettel – zugeschrieben. Schmidt bricht den Monolog vor dem Ende ab; ich setze das Zitat einmal ganz hierher und in der Fassung der Erstausgabe der Schlegelschen Übersetzung von 1797, da deren Orthographie der Schmidts nahe steht:

Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ’nen Traum – ’s geht über Menschenwitz zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär’ ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt’ ich’s. Des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr hat’s nicht gesehen; des Menschen Hand kann’s nicht schmecken, seine Zunge kann’s nicht begreifen, und sein Herz nicht wiedersagen, was mein Traum war. – Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettel’s Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen. Vielleicht, um sie noch anmuthiger zu machen, werde ich sie nach dem Tode singen.

Es ließe sich natürlich trefflich spekulieren, weswegen er die ausdrückliche Erwähnung des Titels Zettel’s Traum fortgelassen hat; noch trefflicher darüber, warum er das Singen der Ballade nach dem Tode weggelassen hat. Aber dazu ist es sicherlich noch zu früh.

Füssli: Titania liebkost Bottom

Wichtiger ist, dass das Motto den Leser einstimmen soll: Im Midsummer Night’s Dream ist Bottom/Zettel ein ziemlich von sich selbst eingenommener Mensch, der Opfer einer Intrige der Geisterwelt wird. Ihm wird ein Eselskopf angezaubert (das äußerst rare Gesicht, das er gehabt hat) und die Elfenkönigin Titania wird verliebt in ihn gemacht, was seinem Selbstbild durchaus entgegenkommt. Nach seiner Rückverwandlung hält er das Geschehen für eben jenen Traum, den er für unausdeutbar hält und den er aufschreiben lassen will.

Bezeichnend scheint mir, dass sich bereits das Motto als vieldeutig erweist: Einerseits ist der Traum des Webers Zettel kein wirklicher Traum, sondern die fehlgedeutete Erinnerung an den Zusammenstoß mit der Geisterwelt (und Geister werden auch in ZT auftreten), andererseits weiß der Zuschauer von Shakespeares Stück, dass dem vorgeblichen Traum eine Realität zugrunde liegt, die aber selbst wieder durch den Titel und den gesamten Charakter des Stückes als Traum gekennzeichnet ist. Zettel’s Traum ist also ein Traum in einem Traum, der aber als Bericht von einem zauberhaften Erlebnis in einem Traum erscheint. Zudem ist es der Bericht von jemandem, der nicht nur selbstgefällig und -verliebt ist, sondern sich vor kurzem noch als ein ausgemachter Esel erwiesen hat. Was also soll der Leser ASs von Zettel’s Traum erwarten?

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Datum: Dienstag, 2. November 2010 12:54
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8 Kommentare

  1. 1

    „Lasst mich den Löwen auch spielen!“ – Zettel ist ein 1-Mann-Theater, in dem er sämtliche Rollen selbst spielt bzw. spielen will. Was immer das nun wieder für Rückschlüsse auf ZT erlaubt ;-). Aber danke, dass Du mich wieder einmal an etwas erinnerst, dass ich viel zu schnell überblättert habe.

  2. 2

    Ja, das mit dem 1-Mann-Theater ist auch ein sehr hübscher Hinweis!

  3. 3

    Hm, vielleicht ist die Anmerkung ja schon zu platt und sattsam bekannt, aber dennoch: man beachte auch die schöne Assoziationskette: „(engl.) Bottom => (dt.) Hintern => Po => Poe“.

    Zur „Traum im Traum“-Thematik natürlich Poes „Dream within a dream“ …

  4. 4

    Was hier zu platt ist, wird sich wohl erst im Laufe der Zeit herausstellen. Zurzeit gilt wohl noch anything goes.

  5. 5

    Der Originaltext ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch nicht ganz uninteressant:

    „I have had a most rare vision. I have had a dream, past the wit of man to say what dream it was: man is but an ass, if he go about to expound this dream. Methought I was–there
    is no man can tell what. Methought I was,–and
    methought I had,–but man is but a patched fool, if he will offer to say what methought I had. The eye of man hath not heard, the ear of man hath not seen, man’s hand is not able to taste, his tongue to conceive, nor his heart to report, what my dream was. I will get Peter Quince to write a ballad of this dream: it shall be called Bottom’s Dream, because it hath no bottom; and I will sing it in the
    latter end of a play, before the duke:
    peradventure, to make it the more gracious, I shall sing it at her death.“

  6. 6

    In welchem Zusammenhang soll das nicht ganz uninteressant sein? Der Text selbst ist ja im Netz beliebig erreichbar.

  7. 7

    […] eine wortspielerische Beschreibung der Wetterlage, sondern auch eine Wiederaufnahme der bereits im Motto enthaltenen Warnung, alles folgende nicht zu ernst zu nehmen. 1 erster Dianenschlag; […]

  8. 8

    Ein interessantes blog.

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