Die erste Seite (5)

Freitag, 3. Dezember 2010 0:12

Weiter im Text:

(? –) : »Ganz=winzij’n Moment nur … (: dreh langsam, 1 Mal, den Kopf in die Wunder einer anderen AtmoSfäre … (?) – : nu, ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera ?)) – : verfolg ma das WasserlinsnBlättchin, Franziska=ja ? – (?) – : Ganz=recht; (Ch kuck aufdii Uhr). –«; (und knien; am WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s) : »Ch wollt die StrömungsGeschwindichkeit ma wissn : Wir habm Zeit, individuell zu sein, gelt Fränzi?« « (Und erneut zu W, /

Der erste Satz scheint an W gerichtet zu sein, wie der Schluss der zitierten Passage und der rechte Rand klar machen:

(da W Uns, anschein’d n Ausputzer
gebm wollte. (: heut regier’Ich :
morgn fahrt Ihr wieder

Diese Marginalie enthält eine wichtige zeitlich Rahmenbedingung des Geschehens, die auch gleich darauf noch einmal betont werden wird: Der Tag, den ZT beschreibt, ist in vielerlei Hinsicht ein letzter Tag, ein Tag, der in sich abgeschlossen ist und etwas besonderes darstellt. Zum heute so nicht mehr gebräuchlichen Wort „Ausputzer“ schreibt Adelung:

Der Ausputzer, des -s, plur. ut nom. sing. der etwas ausputzet. Figürlich, im gemeinen Leben, ein scharfer Verweis. Einem einen derben Ausputzer geben.

Im obigen Zitat aus der Mittelkolumne ist wohl wichtig, dass DP W gegenüber für ein und denselben Sachverhalt zwei sehr unterschiedliche Formulierungen gebraucht: Die „die Wunder einer anderen AtmoSfäre“ können auch als „ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera“ beschrieben werden. Hier kündigt sich DPs Methode der Interpretation an, die später im Text als „Etym=Methode“, „Etymkunde“, „Etym=Analyse“ oder auch explizit als „Etym=Theorie“ bezeichnet werden wird. Für diese Lesart von Texten wird es – besonders auch bei denen Edgar Allan Poes – charakteristisch sein, dass eine gravitätischen Formulierung mit eine ihre Erhabenheit entlarvende Deutung gegenübergestellt wird. Ich selbst habe mir in meiner Einführung zu Schmidts erzählerischem Werk erlaubt, diese Methode als „Etymmystik“ zu bezeichnen, da zumindest DP mit dieser Methode darauf abzuheben scheint, die oberflächliche Lektüre von Texten durch eine wahrere, unmittelbarere Lektüre zu ergänzen. Ich werde hier in im weiteren dei Abkürzung EM für diese Art des Textzugriffs verwenden, wobei sich jeder nach Belieben denken mag, ob dies für Etym-Methode oder Etymmystik stehen soll.

Der zweite Teil des obigen Zitats leitet eine Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bächleins im „WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s“ ein. Dies im weiteren Roman wohl keine Rolle mehr spielende Detail könnte in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: Zum einen ist für DP die ihn umgebende Welt nicht nur Anlass zur äußerlichen Betrachtung, sondern er objektiviert sie auch – die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern auch vermessen; auch hier liegen, wie bereits oben thematisiert, zwei Zugriffe auf die Welt nebeneinander vor. Zum anderen kann das Knien „am WegeGrabm“ auch als eine religiöse Geste gedeutet werden. Hinweis darauf könnte das kurze Poe-Zitat am linken Rand sein:

(›watered by a beautiful stream,
which bears the name of ISIS, the
divinity of the Nile & the Ceres of
the egyptians‹. (REC.WALSH))

Das Bächlein wird also assoziiert mit der Isis, der Göttin des Nils und der Ceres der Ägypter, was zum einen eine erneute Aufnahme des Themas Fruchtbarkeit ist, für das auch schon die die linke Kolumne bisher beherrschenden Jungstiere stehen können, zum anderen aber eben für das Knien „am WegeGrabm“ ein religiöses Assoziationsfeld liefert. Vor wem oder was hier dann tatsächlich das Knie gebeugt würde, lässt sich wohl noch nicht erkennen.

F stimmt der Aussage DP, man „Zeit, individuell zu sein“ schweigend zu, wie der rechte Rand verrät:

(Sie nickde, schweignd …

Weiter in der mittleren Kolumne:

(Und erneut zu W, / (Die, irgndwie=gereizt, Paul just ein’n ›Altn Dämian‹ hieß : ! –) / : »Lieb=sein Wilmi. Villeicht sind Wa, an Unserm 1 Tag Fee’rij’n, ooch noch grawitätisch! –

Meine Lektüre des Hesseschen „Demian“ liegt zulange zurück – und ich möchte sie auch nicht auffrischen –, um noch beurteilen zu können, ob es sich bei „Dämian“ um ein spezifisches Schimpfwort handelt; der Dämlack dürfte bei der Schöpfung des Wortes Pate gestanden haben.

Auch hier wird, wie oben bereits gesagt, betont, dass es sich bei dem Tag, den ZT beschreibt, um einen besonderen Tag handelt. Das Wort gravitätisch wird natürlich mit „w“ geschrieben, weil es dann gravitätischer erscheint.

: Iss’oweit Friendsel?« – ; / – ; – / : »Jetz ! –« (versetzDe der GlocknRock nebm Mir : – (präziser die Bluse von schlankstim Ausschnitt, satinisch ainzuschau’n. Der RotMund voller SchneideZähne (aber unlächlnd). /

Diese zweite Beschreibung Fs wird rechts ergänzt durch die Marginalie:

((ein ›leidliches Lärvchin‹ ? (m=m ! :
reicht nich ganz ! …

[Die beiden „m“ in „m=m“ tragen im Buch einen Accent grave.]

Hier wird die spielerische Beschreibung der Kleidung Fs fortgesetzt: Die Bluse ist aus Satin und von „schlankstim Ausschnitt“ – durch das „i“ wird das Wort schlanker als in der Duden-Orthografie –, aber es ist wohl auch so, dass F an der Bluse einen Knopf zu viel offen gelassen hat, denn sie hat die satanische Absicht, DP in sich verliebt zu machen, und also kann er die Bluse auch ein wenig zu sehr hinainschauen.

Die Formulierung vom „leidlichen Lärvchen“ lässt sich zum Beispiel in Ludwig Ferdinand Hubers Lustspiel „Juliane“ wiederfinden, ohne dass ich behaupten möchte, dass dieser Text für ZT irgendeine Relevanz hat.

Ungefähr an dieser Stelle schließt der Text der erste Seite des TSs. Am Fuß der Seite findet sich eine Skizze des realen Schauerfeldes, jenes Bargfelder Grundstücks, das AS im April 1965 für 1.000 DM von Wilhelm Michels gekauft hat. Die Skizze ist mit Schrittmarken versehen, auf die im weiteren Text von ZT dann Bezug genommen wird. AS hat für viele Schauplätze seiner Texte solche Skizzen angelegt; in der ersten Buchausgabe der „Gelehrtenrepublik“ z. B. wurde seine Skizze der IRAS, der schwimmenden, stählernen Insel, auf der der zweite Teil des Romans spielt, auf den Vorsatz gedruckt.

trenner.jpg

Es hat hier einigen Aufwand gebraucht, um der ersten Seite wenigstens einigermaßen Herr zu werden – wobei, das sei hier gern noch einmal betont, keinerlei Anspruch erhoben wird, diese erste Seite tatsächlich ausgeschöpft zu haben. Es hat sich gezeigt, dass zumindest einzelne Passagen von ZT an den Leser einigen Anspruch stellen, wenn er auch nur grundlegend erfassen will, was sich im Text abspielt. Von Lesen im klassischen Sinne kann in solchen Fällen kaum mehr die Rede sein, vielmehr ist der Leser gezwungen, vieles im Text unverstanden auf sich beruhen zu lassen – nicht die schlechteste Strategie im Umgang mit ZT – oder sich den Text zu erarbeiten bzw. – das dürfte der Absicht ASs mehr entsprechen – ihn zu enträtseln.

Das AS Spaß am Verrätseln und an seiner eigenen Schlauheit gehabt hat, ist für seine treuen Leser eine Konstante des Werks. ZT geht dabei in einigen Passagen weiter als die zuvor entstandenen Texte. Gerade bei der ersten Seite wurde hier schon die Möglichkeit angedacht, dass sie eine Abwehrgeste darstellt gegenüber unbefugten Lesern, also solchen, von denen der Autor glaubt, dass sie seinem eigenen Anspruch an eine gelungene Textrezeption nicht genügen können.

[…] ich habe Ihnen da entgegen zu halten, daß es ja leider im Verhältnis zu anderen Künsten, der Musik oder der Malerei zum Beispiel, der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, […] [BA Supl. 2, S. 10]

Diese Äußerung stammt aus einem Rundfunk-Interview, das Martin Walser bereits im Jahr 1952 mit AS geführt hat. Die hier zum Ausdruck kommende elitäre Haltung des Autors seinen potentiellen Lesern gegenüber liegt wohl ganz wesentlich auch ZT zugrunde, und das, obwohl es ironischer Weise gerade dieses Buch war, das AS so bekannt gemacht hat wie keine seiner Veröffentlichungen zuvor.

Natürlich wird meine weitere Lektüre nicht durchgehend in dieser Ausführlichkeit annotiert werden können und müssen, wie dies hier für die erste Seite geschehen ist. Es wird sich zeigen, welches Gleichgewicht zwischen Lesen und Enträtseln  sich einstellen bzw. wie weit das Lesen und Enträtseln überhaupt gelingen wird.

Thema: i. Buch – Das Schauerfeld | Kommentare (13)

Die erste Seite (4)

Dienstag, 23. November 2010 23:08

Weiter im Text:

: »HasDu überhaupt zugehört ? Was Ich gesagt hab’ ?« / (Vollkomm’ Wilma. Aber a) : »hatt’Ich eine (sündije) Vision zu bekämpfn …«/ (: »? ! –«) / (Galant) : »So im Stiel von ›Achab + Zedecias durch 2‹ : Dich; in einem Zuber voll Thau! – «; (dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch. Und b) : »Hab’Ich den D=Zug, von Eschede, rumpln hör’n.

Achab und Zedekias (in der Schreibung Sedechias) sind in Sixtus Bircks Drama „Susanna“ (1532) die beiden, die die fromme und keusche Susanna im Bade beobachten. Die Fabel des Dramas geht auf das biblische Buch Daniel (13, 1 ff.) zurück; es handelt sich dabei um einen der Fälle, an dem sich Daniel als weiser und gerechter Richter beweist. Natürlich möchte auch DP als ein solch weiser und gerechter Richter, und sei es auch nur in Sachen Literatur, angesehen werden. Mit Material aus dem Buch Daniel spielt AS noch öfter; auch ist vermutet worden, dass die Seitenzahl des TS von ZT durch Daniel 12, 12 determiniert ist:

Wohl dem der durchhält und dreizehnhundertfünfunddreißig Tage erreicht!

Wir werden sehen.

DP hat die Vision von Achab und Zedekias nur „durch 2“, da er sie alleine hat; es mag aber auch sein, dass er W als nur halb so attraktiv imaginiert wie die biblische Susanna. Der „Zuber voll Thau“ ist natürlich assoziativ ausgelöst von dem zuvor bereits kommentierten Wort „Galathau“. Wichtig für den weiteren Verlauf des Romans ist aber, dass hier erstmals das Motiv des Voyeurs angespielt wird. Es werden wenige Zeilen später auch entsprechende Gerätschaften folgen.

Das Wort „cnorpulend“ ist wohl zusammengezogen aus korpulent, Knorpel und pulen: Man hat sich W, wie auch der bereits erwähnte ‚volle Hals‘ andeutete, als eher vollschlanke Frau vorzustellen; die Bandscheiben in ihrem Rücken werden beim Durchklettern des Stacheldrahtzauns beansprucht und offenbar führt alles dies dazu, dass sie von den beiden Herren eher sanft durch den Zaun hindurch gezogen (gepult) werden muss, als dass sie die Passage wirklich selbst bewältigt.

Eschede ist eine Kleinstadt in der Lüneburger Heide und den meisten heute wohl bekannt durch das ICE-Unglück im Juni 1998. Die Bahnstrecke durch Eschede führt von Celle nach Uelzen und ist Teil der Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg. Sollte DP tatsächlich in der Lage sein, einen D-Zug auf dieser Strecke „rumpln“ zu hören, so liegt das fiktive Ödingen, in dem ZT hauptsächlich spielt, wahrscheinlich ein gutes Stück westlich von ASs Wohnort Bargfeld. Es mag auch sein, dass es in den 60er Jahren von Eschede aus noch eine direkte Verbindung zur Strecke zwischen Celle und Hankesbüttel gegeben hat (hier mögen bitte Ortskundige einspringen); diese Bahnstrecke verläuft südlich von Eldingen und liegt deutlich näher an Bargfeld, was die konkrete Lage von Ödingen wieder an Bargfeld annähern könnte.

Am rechten Rand findet sich auf Höhe des Satzes „dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch“

(? – : b/cnuffDe’s nich? Bescheidnt-
lich; von hintn ? … / (›Die Gopis
(= KuhHirtinnen) waren rasend vor
Liebe zu Krischna/an : als er seine Flöte
spielde, kamen sie=Alle, mit ihm
zutanzn …‹). /

Die hier verwendeten Zeichengruppen „b/cn“ und „na/an“ sind, auch im Weiteren so verwendete, Notlösungen, um die Ramifikationen (Verästelungen) des Textes – hier   und   – wiederzugeben. AS hatte diese typographische Spielerei bereits früher verwendet, ab ZT wird es aber zu einem wesentlichen Mittel seiner Schriftsprache. Während die dadurch erzeugten Wortvarianten an dieser Stelle nur einen spielerischen Charakter zu haben scheinen, werden sie im weiteren Text zum optischen Darstellungsmittel für die Unterwanderung der Wörter durch die von AS sogenannten Etyms. Was Etyms sind und wozu sie dienen, muss später an gegebener Stelle erörtert werden. Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass das Wort „Ramifikation“ selbst einen vortrefflichen  Anlass für eine Etym-Analyse bietet.

Wer es ist, der DP bufft und knufft lässt sich nur vermuten, aber wahrscheinlich handelt es sich um F, die DP von seiner zu intensiven Beschäftigung mit ihrer Mutter ablenken möchte. Die Konkurrenz von Mutter und Tochter um die Sympathie und Aufmerksamkeit DPs wird eine bestimmende Konstante der Figurenkonstellation in ZT sein.

Woher das Zitat mit den Gopis genau stammt, wurde meines Wissens bislang nicht identifiziert. Es passt aber gut in nahezu jede beliebige Darstellung der Existenz Krishna im zuvor bereits erwähnten Reich Goloka. Natürlich ist sowohl das Spiel der Flöte als auch der Tanz der Gopis mit Krishna schon im Ursprung und nicht erst bei AS stark sexuell konnotiert.

Die Ramifikation Krischna/an ist wohl die schlichteste Art der Verweltlichung des Mythos, die möglich ist. Ob dabei auch eine Parallelität zwischen Krishna und Christus bzw. zwischen Hinduismus und Christentum  (Krischan ist ja nur die norddeutsche Verschleifung den Namens Christian) mitgedacht werden soll, bleibt offen.

– (?) – : Nu ›Eintrübunc‹.«; (Vorkeime v Wolckn; Windwebm.) : »Was willsDú nehm’ Fränzel ? : ’s DopplGlas  ? Oder die YASHIKA ?«. / (Sie griff stumm. Und der LederRiem’m teilde. (›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹. (Und dem Pleas’see=Rock; waid genoug für Zweie.))) /

Auf eine nicht ausformulierte Frage Fs hin, wendet sich DP nun ihr zu. Nach der Erklärung der meteorologischen Lage, werden nun die Werkzeuge des oben bereits ins Spiel gebrachten Voyeurs verteilt: Fernglas und Kamera. Zur Übereinstimmung meines Nachnamens mit dem in ZT häufig gebrachten Kosenamen Fs sei hier nur angemerkt, dass meine Schmidt-Lektüre erst mehrere Jahre nach dessen Tod begonnen hat. F greift sich wortlos eines der beiden Geräte und hängt es sich so um, dass der Lederriemen zwischen ihren Brüsten durchläuft; da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter aber eher kleine Brüste hat, „teild“ der Lederriemen weich. Rechts findet sich dazu das Zitat:

: ›did diuide her daintie paps‹; SPENSER …

Also etwa: ‚Teilte ihre zierlichen Nippel‘; es handelt sich um ein Zitat aus Edmund Spensers „The Faerie Queene“ (1590–1596). ASs archaisch anmutende Schreibung „diuide“ scheint dem ursprünglichen Text Spensers zu entsprechen. „The Faerie Queene“ wird in ZT relativ häufig zitiert, was den phantastischen Tendenzen des Buchs gut entspricht. Bereits über die Assoziation mit dem Traum des Webers Bottom hatte Schmidt ZT als ein (auch) phantastisches Buch gekennzeichnet, und, wie bereits angedeutet, Geister und andere phantastische Erscheinungen spielen in ihm keine unwesentliche Rolle. Für die Liebhaber von Verschwörungstheorien sei hier angemerkt, dass Spenser ursprünglich geplant hatte, „The Faerie Queene“ in zwölf Büchern zu je zwölf Gesängen zu schreiben; aus dem Namen Daniel und der doppelten 12 ergibt sich dann unschwer die Notwendigkeit, dass ZT im TS 1335 Seiten haben musste. In die gleiche Kategorie gehört auch das von Zeit zu Zeit kolportierte Faktum, AS habe die 120.000 Zettel zu ZT (vgl. BA Suppl. 2, S. 33) in 12 Zettelkästen organisiert; auch hieraus ergeben sich sicherlich weitreichende Folgen.

Ob es sich bei „›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹“ tatsächlich um ein Zitat handelt, ist mir unklar. Jedenfalls haben unzählige literarische Heldinnen und Geliebte dunkelblaue Augen. [Siehe auch unten Kommentar 4.] Beim „Pleas’see=Rock“ handelt es sich um eine weitere wichtige Technik von ASs Schriftsprache, dem systematischen Verschreiben von Wörtern, so dass eine zweite Bedeutung im klanglich identischen oder ähnlichen Material aufscheint. Hier ist das Beispiel relativ unverfänglich: F trägt einen Plissee-Rock, der außerdem nett aunzuschauen ist bzw. ihr gut steht. Die gleich darauf folgende Verschreibung „waid“ könnte den Waidmann anspielen (assoziativ ausgelöst durch das Doppelglas), es könnte aber auch die Waid-Pflanze assoziiert sein, einer wichtigen Farbstoff-Lieferantin des Mittelalters für blaue Farbe. Die Verschreibung „genoug“ hat sich mir bislang nicht erschlossen. [Vgl. dazu unten den Kommentar 2.]

Ungefähr auf der Höhe des letzten Zitates steht in der linken Spalte:

? – : »Lama=Lama!« – (: werdt’ ihr
früh. (Sie schüttltn auch die Ohren
so=oft …))

„Lama=Lama!“ ist ein Ausruf der Eingeborenen auf Tsalal. Es sind einige Versuche gemacht worden, diese Sprache, von der Edgar Allan Poe nur wenige Wörter und einen einzigen Satz mitteilt, zu übersetzen. Keiner dieser Versuche ist letztlich überzeugend. Wir werden noch sehen, was AS dazu entwickelt. Das Satzfragment „werdt’ ihr früh“ bleibt vorerst unverständlich. [Vgl. auch unten den Kommentar 2.]

Wird fortgesetzt.

Thema: i. Buch – Das Schauerfeld | Kommentare (4)

Die erste Seite (3)

Dienstag, 23. November 2010 1:40

Weiter im Text:

Aber Sie, noch vom vor=4 benomm’m, shudderDe mit den (echtn!) Bakk’n) : »Dän – Ich bin doch wirklich a woman, for whom the outside world exists. Aber verwichne Nacht …«; (brach ab; und musterDe Mich, / Den Ihr gefälligst den Draht aus’nander Haltndän : – ? – /

Es wird noch einmal explizit die Uhrzeit bestätigt, die die Formulierung „1 erster Dianenschlag“ angedeutet hatte. Zum niedersächsischen Wort „schuddern“ gibt Adelung folgendes:

Anm. Schüttern, Nieders. schuddern, Engl. to shudder, ist dem Ursprunge nach eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, der Form nach aber ein Intensivum und Iterativum von schutten, schütten, welches ehedem dafür gebraucht wurde. Sih scutita thiu Erda, die Erde erschütterte, Ottfr. Thaz wazar er yrscutita, er erschütterte das Wasser, eben derselbe. Zittern und schaudern sind nahe damit verwandt, nur daß schüttern in Ansehung beyder ein Intensivum ist;

Bei der Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ besteht natürlich der Verdacht, dass es sich um ein Zitat handelt; wer kann es identifizieren? [Vgl. unten den Kommentar 1.] Weswegen Wilma hier abbricht, bleibt unklar; offenbar hatte sie in der Nacht eine Erscheinung, die über einen normalen Traum hinausgeht. Anschließend finden wir hier die Grundlage für die bereits vorgenommene Interpretation der beiden Reihen von Xen zu Anfang der Seite. Die Zeichenfolge „: – ? –“ bezeichnet in der Regel einen fragenden Blick oder eine fragende Geste, kann aber auch eine ausformulierte Frage ersetzen, die sich aus der Antwort selbst ergibt. Am rechten Rand findet sich eine weitere Assoziation DPs:

(: we’cher Hals! We’che Stimme!
(Der eine voll, die andre rauh : kein
Zug mehr wie früher, aber noch gans
dasselbe Gesicht …)

Dies ist der erste Hinweis darauf, dass sich die Eheleute Jacobi und DP schon länger kennen. Die Verschreibung „gans“ zeigt zudem an, dass DP von Ws Intellekt nicht die höchste Meinung hegt.

: »Singularly wild place – «; (hatte P indessn gemurmlt. Er ragte, obm wie untn, aus seiner WanderHose; Er, lang=dünn & haarich) /

Die Beschreibung Ps lässt sich als erster Hinweis darauf lesen, dass die Figurenkonstellation in ZT mehrfach überdeterminiert ist. So können die Figuren unter anderem den Instanzen der Schmidt-Freudschen Persönlichkeitstheorie zugeordnet werden: W repräsentiert das Über-Ich, P das Ich, F das Es und schließlich DP die von Schmidt hinzugefabelte 4. Instanz. P als Vertreter des Es ist damit zugleich derjenige, dem der unmittelbare Zugang zur Sexualität zugeschrieben wird. Er wird daher gleich bei seinem ersten Auftreten als personifizierter Penis vorgestellt.

In der linken Kolumne findet sich auf Höhe dieses Textes:

: MUUHH! – (immer näher ad Zaun
: immer (B)Rahma=bullijer

Die erste Zeile ist einfach die Fortsetzung des schon erläuterten „Gestiers von JungStieren“ in derselben Spalte; die zweite eine Reaktion auf den rechten Rand:

(Goloka=Goloka; The World of
Cows; (+ Galaxy). (: ›La vaca,
la cabra y la oveja nos dan su leche‹;
sagde gleich Eins auf; (aus’m
DERNEHL=LAUDAN …

Goloka, die Welt der Kühe, ist im Hinduismus der ewige Wohnort Krishnas:

Mit seinem aus Sein, Intelligenz und Wonne (saccid-ânanda) bestehenden Leibe genießt Krishna an höchster Stätte in der »Welt der Kühe« (Goloka) mit Râdhâ ewige Wonnen als Widerschein des geistigen Liebesverhältnisses zwischen Seele und Gott. [RGG, 3. Aufl., Bd. 3, 347]

Auch hier wird also wieder ein Liebesverhältnis angespielt, diesmal mit ausdrücklicher Betonung der Spannung zwischen Körper und Geist. „Galaxy“ ist die Milchstraße (altgr. γαλαξίας), eine Verstärkung der Motive Milch und weiß einige Zeilen weiter oben im Text. „La vaca, la cabra y la oveja nos dan su leche“ ist Spanisch und bedeutet: „Die Kuh, die Ziege und das Schaf geben uns ihre Milch“ (vgl. auch unten Kommentar 5); der „DERNEHL=LAUDAN“ ist das Spanisch-Lehrbuch, nach dem AS in der Schulzeit Spanisch gelernt hat. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass die Bekanntschaft der drei Erwachsenen bereits aus ihrer Schulzeit herrührt.

Das „(B)Rahma“ des linken Randes ist also zuerst einmal mit der hinduistischen Welt der Kühe vom rechten Rand assoziiert; Brahma ist eine der drei hinduistischen  Hauptgottheiten. Die Einklammerung des Buchstabens B lässt zudem das Wort „Rahma“ hervortreten; zusammen mit dem Wort „bullijer“ wurde hier von einem Deuter die Zote „Hast Du Rama auf der Stulle / kannst du vögeln wie ein Bulle“ assoziiert. Dazu mag sich jeder Leser stellen, wie er will.

Wird fortgesetzt.

Thema: i. Buch – Das Schauerfeld | Kommentare (6)

Die erste Seite (2)

Dienstag, 16. November 2010 10:30

Der hier versuchte Einzelstellenkommentar zur ersten Seite erhebt – genau wie der Rest der Texte hier – keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Verbindlichkeit. Zum Wesen der Lektüre von ZT (wie auch der meisten anderen Bücher) gehört es, dass sie wesentlich vom Wissen und den Assoziationen des Leser geprägt ist. Dieser Versuch darf und soll also gerne in den Kommentaren ergänzt werden.

ZT beginnt in der mittleren Kolumne mit zwei Reihen von Xen, die den Stacheldrahtzaun zu Anfang des Schauerfelds darstellen. In der Mitte wird der Zaun auseinandergehalten, um – wie wir kurz darauf erschließen können – Wilma (W) das Durchschlüpfen zu ermöglichen.

AS hält seiner Frau den Stacheldraht auseinander.

AS hält seiner Frau den Stacheldraht auseinander.

Das erste Wort des Buches spricht Paul (P):

: »– : king !« –

Dazu findet sich am rechten Rand eine Assoziation Daniel Pagenstechers (DP):

(? : NOAH POKE ? (oder fu=))

Das Fragezeichen signalisiert, dass sich DP fragt, ob das »King!« Ps ein Zitat aus James Fenimore Coopers Roman »The Monikins« sei, in dem Kapitän Noah Poke seinem Erstaunen des öfteren mit diesem Ausruf Ausdruck verleiht, oder ob es sich um ein verkürztes »fucking!« handelt. Bei »The Monikins« handelt es sich um eine der anregenden Quellen für Edgar Allan Poes »Arthur Gordon Pym«. Darüber hinaus ist vielleicht erwähnenswert, dass king im Chinesischen Buch bedeutet; ASs chinesische Motive kommen allerdings erst in »Die Schule der Atheisten« so recht zum Tragen.

Am linken Rand steht dem gegenüber:

: ›Anna Muh=Muh !‹ –

Hierbei handelt es sich um eine eingedeutschte Schreibung eines der Wörter aus der Sprache von Tsalal, das sich gleich darunter auch in der Schreibung des Originals wiederfindet: »: ›Ana Moo=moo !‹« Tsalal ist die Insel, die in Poes »Arthur Gordon Pym« in der Nähe des Südpols entdeckt wird. Zugleich ist »Muh=Muh« natürlich auch eine onomatopoetische Wiedergabe des »Gestiers von JungStieren«, wie es gleich darauf in der mittleren Kolumne heißt.

Nach diesem Auftakt beginnt der erzählende Text:

Nebel schelmenzünftig.

ist ein Spiel mit dem Titel von Thomas Murners »Der schelmen zunfft«, dessen lateinische Übersetzung »Nebulo nebulonum«, also »Der Schelm der Schelme« lautet. Dies ist also nicht nur eine wortspielerische Beschreibung der Wetterlage, sondern auch eine Wiederaufnahme der bereits im Motto enthaltenen Warnung, alles folgende nicht zu ernst zu nehmen.

1 erster Dianenschlag; (LerchenPrikkel).

Dazu gibt der Pierer (Pierer’s Universal-Lexikon, 4. Auflage, 1857–1865):

Diana, […] 2) (Seew.), Tagwache von 4 Uhr bis 8 Uhr Morgens. Daher Dianaschuß, der Morgenschuß vom Admiralschiff; Dianaschlagen, Trommeln u. Pfeifen, welches die Schiffsmannschaft zur Morgenwache ruft. (Bd. 5, S. 108)

Statt der Trommeln muss auf dem Schauerfeld eine Lerche den Beginn der ersten Wache ankündigen.

Gestier von JungStieren. Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus. /

Beschreibung des Jungviehs, das sich auf der oder den Weiden rechts und links des Schauerfelds aufhält. Was AS mit «dizzyköpfig», also soviel wie »schwindelköpfig« meint, ist mir unklar. Vielleicht schütteln sich die Kälber selbst den Kopf schwindelig? Der Schrägstrich zeigt in ZT in der Regel an, dass nun eine andere Person spricht, oder auch, dass DP seine Rolle als Erzähler mit der als Protagonist bzw. vice versa vertauscht.

Am rechten Rand dazu der biografische Gedankensplitter DPs:

(Als Kind hab’Ich ›Euter‹ essn müssn : Meine Mutter usw. – (tz, Wahnsinn; &=Brrr…)

Es folgt die erste wörtliche Rede DPs:

: »Sie diesen Galathau, Wilma. Und wie Herr Teat’on mit Auroren dahlt :

Ob sich der Tippfehler »Sie« statt »Sieh« fruchtbar machen lässt, ist mir unklar. Das Wort »Galathau« ist ein Portmanteau-Wort aus »Tau« und »Galathea«. Tau wird offensichtlich zu dieser frühen Stunde einen der wesentlichen Eindrücke beim Betreten des Schauerfelds bilden; er wird außerdem wenige Zeilen später gebraucht, um eine »(sündije) Vision« DPs auszulösen.

Das Wort »Galathea« dagegen kann zur ersten Falltüre für den interpretatorischen Zugriff werden. In der Variante Galateia – eingedeutscht: die Milchweiße (was im Zusammenhang mit Poes »Arthur Gordon Pym« relevant ist, dessen Eingeborene auf Tsalal ja die weiße Farbe fürchten); in ASs Schreibung auch: die Milchgöttin – bezeichnet das Wort zuerst einmal eine Nymphe der griechischen Mythologie. Sie ist die Geliebte des Polyphem, also eines einäugigen Riesen. Der Hirte Akis, der sich in sie verliebt hatte, wurde von Polyphem aus Eifersucht getötet, und Galateia verwandelte den Blutstrom des Erschlagenen in einen Fluss. Dies kann als Vorverweis auf die am Fuß der Seite erfolgende Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bachs am Anfang des Schauerfelds gelesen werden. Auch das Motiv des Totschlags wird im ersten Buch von ZT noch einmal ausdrücklich aufgenommen werden.

Galatea ist aber auch der (nachantike) Name der Statue, die Pygmalion sich erschuf und der auf seine Bitten hin von den Göttern Leben gegeben wird. Hier kommt ein Motiv ins Spiel, das später in ZT noch ausführlich dargestellt wird: Franziska Jacobis (F) Verliebtheit in DP entspringt ganz wesentlich einem früheren Aufenthalt bei DP, der sie tief beeinflusst haben muss. Würde DP also dieser Verliebtheit Fs nachgeben, so hätte auch er sich seine Geliebte in gewissem Sinne selbst geschaffen.»Pygmalion und Galatea« ist auch der geläufige Titel eines Gemäldes von Bronzino. Es zeigt nicht nur den die lebendige Galatea anbetenden Pygmalion, sondern in der Bildmitte auch ein Stieropfer, was wiederum gut zum »Gestier von JungStieren« passt.

»Galatea« ist auch der Titel einer Schäferdichtung von Cervantes, die – witzigerweise – auf eine »Diana« Jorge de Montemayors zurückgeht. Der Roman ist unvollendet geblieben und spult im Großen und Ganzen das übliche Schema einer unglücklichen Liebe zu einer unerreichbaren Frau ab. Auch dies ist ein guter Resonanzraum für das Verhältnis bzw. Unverhältnis zischen DP und F.

Nicht zuletzt ist Galathea eine der größten Gruppen der Springkrebse, also eines Lebewesen mit einem harten Äußeren und einem weichen Kern, was als erste Charakterisierung DPs nicht schlecht passen dürfte. Ich bin sicher, dass sich weitere Assoziationen und Deutungen zu »Galathea« problemlos finden lassen.

Tithon – dem bei AS übrigens das h fehlt, das seine Galathea zuviel hat – und Aurora sind ein mythologisches Liebespaar: Die Göttin der Morgenröte Eos (Aurora) verliebt sich in den jungen Tithon, den sie entführt, um ihm dann von Zeus das Geschenk des ewigen Lebens zu erbitten. Leider vergisst sie aber, ihm auch ewige Jugend zu verschaffen, so dass er altert, während sie ewig jung bleibt. Thiton endet schließlich in der Metamorphose zu einer Zikade; ebenfalls ein Tier mit Exoskelett, wie auch der oben schon genannte Springkrebs. Auch hier wird das Liebesverhältnis zwischen DP und F angespielt: DP fürchtet sich natürlich davor, wie Thiton einer jugendlichen Geliebten auf Dauer nicht genügen zu können.

Zum Wort »dahlen« gibt Adelung folgende Auskunft:

Dahlen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber nur in der vertraulichen Sprechart der Obersachsen üblich ist, tändeln, kindische Dinge vornehmen, sich albern bezeigen

Viel von dem, was im Verlauf des Buches zwischen DP und F vorgehen wird, hat den klaren Charakter des Spielens und ist wesentlich die Fortsetzung des Verhältnisses zwischen den beiden, als F noch ein Kind war.

: jetzt ist die Zeit, voll itzt zu seyn !«. /

Wurde als Übersetzung des Satzes »Yet’s the time for being now, now, now.« aus Joyces »Finnegans Wake« (FW 250) gedeutet. Das mag so sein; es scheint mir aber auch zu genügen, es als eine schmidtsche Variante des »Carpe diem« zu lesen.

Wird fortgesetzt.

Thema: i. Buch – Das Schauerfeld | Kommentare (5)

Die erste Seite (1)

Dienstag, 16. November 2010 7:36

Es war, wenn ich mich recht erinnere, Jörg Drews, der die erste Seite von ZT (ZT 11, TS 4) eine »mittelschwere Seite« genannt hat. Wir erkennen außerdem aus dem TS, dass AS diese Seite neu geschrieben hat, nachdem zumindest ein bedeutender Teil des Buches bereits geschrieben war, da die erste Seite mit jener Schreibmachine geschrieben worden ist, die erst ab Seite 575 des TS’ zum Einsatz gekommen ist. (Natürlich ebnet die gesetzte Ausgabe diese Differenz ein.)

Nun ist ZT ohnehin kein einfaches Buch, und es ergibt sich die Frage, was einen Schriftsteller dazu veranlasst, ein solches Buch dann auch noch mit einer mittelschweren Seite  beginnen zu lassen, die dem naiven Leser, der nicht wie auch immer auf das Buch vorbereitet wurde, doch einen nicht unerheblichen Widerstand entgegensetzt.

Dazu ist zuerst einmal festzustellen, dass AS überhaupt eine Neigung dazu hatte, seine Bücher eher kryptisch beginnen zu lassen:

Auf die Sterne soll man nicht mit Fingern zeigen; in den Schnee nicht schreiben; beim Donner die Erde berühren: also spitzte ich eine Hand nach oben, splitterte mit umsponnenem Finger das ‹K› in den Silberschorf neben mir, (Gewitter fand grade keins statt, sonst hätt ich schon was gefunden!) (In der Aktentasche knistert das Butterbrotpapier).

Der kahle Mongolenschädel des Mondes schob sich mir näher. (Diskussionen haben lediglich diesen Wert: daß einem gute Gedanken hinterher einfallen).

»Aus dem Leben eines Fauns«

Oder:

In unserem Wassertropfen: Ein metallisch blauer Kegel kam mir entgegen; im Visierei 2 stumpfe Augenkerne.

Dann ein strohgelber: unter der trüben Plasmahaut schied man breite Zellen, Fangarme hingen; oben hatte es einen Wimpernkopf abgeschnürt, Romanoffskyfarbton; und zog naß tickend an mir vorbei. Volkswagen rädertierten. Nah hinten auf dem Platz trieb auch die Schirmqualle. (Genug nu!).

So hantierten wir im Stickstoff mit anaëroben Gebärden (eben machte Einer aus Armen ein schönes langes Beteuerungszeichen), wir, am Grunde unseres Luftteiches, und die Bäume schwankten wasserpflanzen. Mein linker Schuh betrachtete mich kühl aus seinen Lochreihen.

»Das steinerne Herz«

Beide Beispiele – gleichgültig, ob man auch sie mittelschwer findet oder nicht – machen deutlich, dass AS seinen Lesern zumutet, beim Lesen seiner Texte anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit ertragen zu müssen. Das ist sicherlich der Ausdruck eines elitären Kunstverständnisses, das AS mehrfach zum Ausdruck gebracht hat:

Kunst dem Volke?!: den slogan lasse man Nazis und Kommunisten: umgekehrt ists: das Volk (Jeder!) hat sich gefälligst zur Kunst hin zu bemühen! – [BA I/1, 137]

Man kann nun in diesem Sinne die erste Seite mit dem »Distel=Drittel, field of horror« (ZT 12) des Schauerfelds identifizieren, als eine »gegen Camper !« (ebd.), also unbefugte Benutzer, gerichtete Maßnahme des Autors, der zu verhindern sucht, dass die falschen Leser den Zaun übersteigen, den er zu Anfang des Buches errichtet hat.

Tun wir es dennoch und schauen wir uns im Folgenden das Gestrüpp der ersten Seite etwas genauer an.

Thema: i. Buch – Das Schauerfeld | Kommentare (1)

Die Sprache von Tsalal (1)

Mittwoch, 10. November 2010 22:54

Zur Vorbereitung der Lektüre des 1. Buchs habe ich noch einmal Edgar Allan Poes »Arthur Gordon Pym« in der Übersetzung Arno Schmidts gelesen. Einen kurzen Bericht über meine Eindrücke findet man hier:

http://bonaventura.musagetes.de/?p=2523

Zur Sprache von Tsalal, die im Untertitel des 1. Buches von ZT genannt wird, demnächst mehr an dieser Stelle.

Thema: i. Buch – Das Schauerfeld | Kommentare (0)

Das Motto

Dienstag, 2. November 2010 12:54

Das Motto zu ZT stammt bekanntlich aus dem Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare. Es findet sich am Ende der ersten Szene des vierten Aufzugs und ist dem erwachenden Weber Bottom – bzw. bei Schlegel: Zettel – zugeschrieben. Schmidt bricht den Monolog vor dem Ende ab; ich setze das Zitat einmal ganz hierher und in der Fassung der Erstausgabe der Schlegelschen Übersetzung von 1797, da deren Orthographie der Schmidts nahe steht:

Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ’nen Traum – ’s geht über Menschenwitz zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär’ ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt’ ich’s. Des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr hat’s nicht gesehen; des Menschen Hand kann’s nicht schmecken, seine Zunge kann’s nicht begreifen, und sein Herz nicht wiedersagen, was mein Traum war. – Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettel’s Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen. Vielleicht, um sie noch anmuthiger zu machen, werde ich sie nach dem Tode singen.

Es ließe sich natürlich trefflich spekulieren, weswegen er die ausdrückliche Erwähnung des Titels Zettel’s Traum fortgelassen hat; noch trefflicher darüber, warum er das Singen der Ballade nach dem Tode weggelassen hat. Aber dazu ist es sicherlich noch zu früh.

Füssli: Titania liebkost Bottom

Wichtiger ist, dass das Motto den Leser einstimmen soll: Im Midsummer Night’s Dream ist Bottom/Zettel ein ziemlich von sich selbst eingenommener Mensch, der Opfer einer Intrige der Geisterwelt wird. Ihm wird ein Eselskopf angezaubert (das äußerst rare Gesicht, das er gehabt hat) und die Elfenkönigin Titania wird verliebt in ihn gemacht, was seinem Selbstbild durchaus entgegenkommt. Nach seiner Rückverwandlung hält er das Geschehen für eben jenen Traum, den er für unausdeutbar hält und den er aufschreiben lassen will.

Bezeichnend scheint mir, dass sich bereits das Motto als vieldeutig erweist: Einerseits ist der Traum des Webers Zettel kein wirklicher Traum, sondern die fehlgedeutete Erinnerung an den Zusammenstoß mit der Geisterwelt (und Geister werden auch in ZT auftreten), andererseits weiß der Zuschauer von Shakespeares Stück, dass dem vorgeblichen Traum eine Realität zugrunde liegt, die aber selbst wieder durch den Titel und den gesamten Charakter des Stückes als Traum gekennzeichnet ist. Zettel’s Traum ist also ein Traum in einem Traum, der aber als Bericht von einem zauberhaften Erlebnis in einem Traum erscheint. Zudem ist es der Bericht von jemandem, der nicht nur selbstgefällig und -verliebt ist, sondern sich vor kurzem noch als ein ausgemachter Esel erwiesen hat. Was also soll der Leser ASs von Zettel’s Traum erwarten?

Thema: i. Buch – Das Schauerfeld | Kommentare (8)

»Zettel’s Traum lesen« live in Solingen

Montag, 4. Oktober 2010 23:39

Anlässlich des 40. Jahrestages des Erscheinens von ZT und der gesetzten Neuausgabe wird es am

27. Oktober 2010 ab 19:30 Uhr
in der
Stadtbibliothek Solingen

von mir einen einführenden Vortrag zu und kurze exemplarische Lesungen aus ZT geben. Kooperationspartner der Veranstaltung ist die Buchhandlung Die Schatzinsel in Solingen-Ohligs.

Einladung (pfd).

Thema: Real Life | Kommentare (0)

Erscheinungstermin verschoben

Montag, 4. Oktober 2010 22:30

Der Erscheinungstermin zumindest der Standardausgabe von ZT hat sich nun offiziell auf den 8. Oktober verschoben. Das bedeutet leider auch, dass meine Lektüre erst in der letzten Oktober-Woche einsetzen wird. :-(

(via ASml-News)

Thema: Vorab | Kommentare (3)

40 Postkarten

Montag, 4. Oktober 2010 22:22

Als Werbemittel zum Erscheinen der gesetzten Ausgabe von ZT wird Suhrkamp Postkarten mit Zitaten aus dem Buch auflegen. Es handelt sich um 40 Karten, die gegen eine Schutzgebühr von 8 € erworben werden können.

(Susanne Fischer via schauerfeld.de)

Thema: Vorab | Kommentare (0)